Ausbruchsmanagement
01Zweck und Geltungsbereich
1. Zweck und Geltungsbereich
Diese SAA regelt das einheitliche Vorgehen beim Management von Infektionsausbrüchen in Ihre Einrichtung. Ziel ist die schnellstmögliche Identifikation, Meldung und Eindämmung von Ausbrüchen zum Schutz von Rehabilitanden und Personal.
Der Geltungsbereich umfasst alle stationären und ambulanten Bereiche der Einrichtung. Die SAA ist für alle Mitarbeitenden verbindlich, die in der Rehabilitandenversorgung oder im Hygienemanagement tätig sind.
02Definition Ausbruch
2. Definition Ausbruch
Ein Ausbruch liegt vor, wenn ≥ 2 Fälle nosokomialer oder gemeinschaftlich erworbener Infektionen auftreten, die in einem wahrscheinlichen oder gesicherten epidemischen (räumlich-zeitlichen) Zusammenhang stehen. Bereits ein begründeter Verdacht löst die Ausbruchsmaßnahmen dieser SAA aus.
Erregerspezifische Schwellenwerte:
- Norovirus / Rotavirus: ≥ 2 Fälle mit akutem Erbrechen und/oder Durchfall innerhalb von 72 Stunden in derselben Station oder Therapiegruppe
- MRE: ≥ 2 neu identifizierte Fälle mit dem gleichen multiresistenten Erreger (molekulare Typisierung empfohlen)
- Atemwegsinfektionen (inkl. Influenza, SARS-CoV-2): ≥ 2 Fälle mit gleichartigem klinischem Bild innerhalb von 7 Tagen in einer Station oder Gruppe
- Einzelfall mit besonderer Meldepflicht: Schon ein einzelner gesicherter Fall einer nach §6 IfSG meldepflichtigen Erkrankung (z. B. Typhus, Masern, Cholera) löst sofortige Ausbruchsmaßnahmen aus.
03Sofortmaßnahmen bei Ausbruchsverdacht
3. Sofortmaßnahmen bei Ausbruchsverdacht
Bei Verdacht auf einen Ausbruch sind folgende Maßnahmen unverzüglich einzuleiten – auch außerhalb der Regelarbeitszeit:
- Erstmeldung intern: Die beobachtende Fachkraft informiert sofort die Bereichsleitung und die Ausbruchsteamleitung (die Leitung des Ausbruchsteams) sowie den zuständigen ärztlichen Dienst.
- Fallerfassung starten: Systematische Erfassung aller symptomatischen Rehabilitanden und Mitarbeitenden (Name, Symptombeginn, Wohnbereich/Zimmer, Therapiegruppen, bekannte Kontakte) im Ausbruchstagebuch.
- Sofortisolierung: Betroffene Rehabilitanden werden im Einzelzimmer isoliert oder – bei Mehrzimmerbelegung – kohortiert (Zimmer mit gleichem Erkrankungsbild zusammenführen). Zimmertüren geschlossen halten.
- Gemeinschaftsaktivitäten aussetzen: Gemeinsame Therapien, Speisesaalnutzung und Gruppenangebote für betroffene Rehabilitanden sofort unterbrechen.
- PSA-Pflicht einführen: Personal mit Kontakt zu betroffenen Rehabilitanden trägt sofort geeignete PSA (erregerspezifisch, mindestens: FFP2-Maske, langärmeliger Einmal-Schutzkittel, Einmalhandschuhe; ggf. Augenschutz bei Spritzgefahr).
- Händehygiene intensivieren: Alkoholische Händedesinfektion (mind. 3 mL, 30 Sekunden Einwirkzeit) konsequent nach den 5 Momenten der WHO-Händehygiene.
- Sofortdesinfektion: Gezielte Wischdesinfektion aller rehabilitandennahen Kontaktflächen gemäß Reinigungs- und Desinfektionsplan (erregerspezifischen Wirkungsbereich beachten).
- Aufnahme- und Verlegungsstopp prüfen: Die die Leitung des Ausbruchsteams entscheidet über einen bereichsbezogenen Aufnahme- und Verlegungsstopp und kommuniziert diesen an Belegungsmanagement und Pforte.
- Lückenlose Dokumentation: Alle Maßnahmen, Entscheidungen und Zeitpunkte werden im Ausbruchstagebuch festgehalten.
04Ausbruchsteam
4. Ausbruchsteam
Das Ausbruchsteam wird bei Ausbruchsverdacht unverzüglich einberufen. Es trifft mindest einmal zum Beginn des akutem Geschehen und zur offiziellen Ausbruchsbeendigung, je nach Arbeitsorganisation kann es sinnvoll sein, dass das Asubruchsteam regelmäßig abstimmt - je nach dynamik des Ausbruchs z.B. täglich oder wöchentlich.
Zusammensetzung
- Ausbruchsverantwortliche Person (die Leitung des Ausbruchsteams): Gesamtkoordination, zentrale Kommunikationsschnittstelle zum das zuständige Gesundheitsamt und zu Behörden und zur Leitung der Einrichtung, sowie zu den Leitungen der betroffenen Fachbereiche.
- Ärztlicher Dienst: Klinische Fallbewertung, Diagnostikveranlassung (Abstriche, Stuhlproben etc.), Therapieentscheidungen
- Pflegedienstleitung: Koordination pflegerischer Sofortmaßnahmen und Personaleinsatz
- Verwaltung / Qualitätsmanagement: Dokumentation, interne und externe Kommunikation, Ressourcenplanung (PSA-Bestände, Desinfektionsmittel)
- Bei Bedarf: Krankenhaushygieniker oder Hygienefachkraft (konsiliarisch) hinzuziehen.
Aufgaben im Ausbruchsgeschehen
- Tägliche Lagebewertung und Anpassung der Maßnahmen auf Basis der aktuellen Fallzahlen
- Entscheidung über Aufnahme-/Verlegungsstopp und Freigabe
- Sicherstellung ausreichender PSA- und Desinfektionsmittelreserven
- Regelmäßige Information aller Mitarbeitenden und ggf. Angehörigen
- Abschlussfreigabe und Einleitung der Nachbereitung
05Meldung an das Gesundheitsamt
5. Meldung an das Gesundheitsamt
Das gehäufte Auftreten nosokomialer Infektionen mit wahrscheinlichem epidemischem Zusammenhang ist unverzüglich, spätestens innerhalb von 24 Stunden nach Kenntnisnahme dem zuständigen das zuständige Gesundheitsamt zu melden. Die Meldung erfolgt - wenn möglich - über das digitales Meldeportal Demis, sonst telefonisch und schriftlich.
Pflichtangaben der Erstmeldung
- Name und Adresse der Einrichtung, betroffener Bereich
- Erregerverdacht oder gesicherter Erreger inkl. Resistenzprofil (soweit bekannt)
- Anzahl betroffener Rehabilitanden und Mitarbeitender, Datum des Index-Falls
- Symptomdescription und klinisches Bild
- Bereits eingeleitete Maßnahmen
- Kontaktdaten die Leitung des Ausbruchsteams für Rückfragen
Folgemeldungen erfolgen in einem sinnvollen Zeitintervall (z.B. täglich oder wöchentlich) bzw. auf Anforderung des das zuständige Gesundheitsamt bis zur Ausbruchsbeendigung. Bei Ausbrüchen mit unklarem Erreger oder überregionaler Bedeutung stimmt die Ausbruchsverantwortliche Person die Leitung des Ausbruchsteams die Maßnahmen direkt mit dem das zuständige Gesundheitsamt ab.
Alle Meldungen und Rücksprachen werden im Ausbruchsprotokoll mit Datum, Uhrzeit und Gesprächspartner archiviert.
06Kontaktpersonenmanagement
6. Kontaktpersonenmanagement
Kontaktpersonen sind alle Rehabilitanden und Mitarbeitenden, die gemäß erregerspezifischer Expositionsdefinition Kontakt zu Infizierten hatten. Die Nachverfolgung beginnt unmittelbar nach Ausbruchsidentifikation.
- Identifikation: Systematische Erfassung anhand Zimmerbelegung, Therapieplänen, Mahlzeitengruppen und Dienstplänen. Der Rückblickzeitraum richtet sich nach der Inkubationszeit des vermuteten Erregers (Norovirus: 48 h; Influenza: 4 Tage; SARS-CoV-2: 7 Tage; Multiresistente Erreger (MRE): individuelle Risikoabschätzung).
- Risikoklassifikation:
- Enge Kontaktpersonen: direkter Körperkontakt, Aerosol-Exposition ohne adäquate PSA
- Niedrigschwellige Kontaktpersonen: räumliche Nähe mit Schutzmaßnahmen oder kurzfristiger Aufenthalt im selben Bereich
- Symptommonitoring: Enge Kontaktpersonen werden täglich auf Fieber (≥ 38,0 °C), Übelkeit, Durchfall und respiratorische Beschwerden kontrolliert. Mitarbeitende melden Symptome eigenständig vor Dienstantritt.
- Testung: Symptomatische Kontaktpersonen werden einer adäquaten Diagnostik zugeführt (z.B. PCR oder Antigentest). Asymptomatische enge Kontaktpersonen: Testung nach Risikoabwägung in Abstimmung mit dem ärztlichen Dienst. Testart und -intervall gemäß aktuellem Erregermerkblättern zum jeweiligen Erreger.
- Dokumentation: Alle Maßnahmen, Kontaktpersonen, Testergebnisse, Isolierungsmaßnahmen werden im Ausbruchsprotokoll mit Datum und Uhrzeit dokumentiert.
07Erhöhte Hygienemaßnahmen
7. Erhöhte Hygienemaßnahmen
Die nachfolgenden Maßnahmen gelten zusätzlich zu den Standardhygienemaßnahmen und sind für die Dauer des Ausbruchs verbindlich. Konkrete Mittelbezeichnungen, Konzentrationen und Einwirkzeiten sind dem Reinigungs- und Desinfektionsplan der Einrichtung zu entnehmen.
Flächendesinfektion
- Bei vielen Ausbrüchen ist es sinnvoll, den Reinigungsintervall zu erhöhen, folgende Maßnahme kann z.B. umgesetzt werden: Rehabilitandennahe Kontaktflächen (Bettgestell, Nachttisch, Lichtrufanlage, Türklinken, Lichtschalter): 3× täglich desinfizierend wischen
- Sanitäranlagen: nach jeder Nutzung durch betroffene Rehabilitanden desinfizierend reinigen
- Wirkungsbereich erregerspezifisch wählen: z. B. „begrenzt viruzid PLUS" für Norovirus, „bakterizid" für MRSA – gemäß VAH-Liste bzw. RKI-Desinfektionsmittelliste; Mittel und Wirkungsbereich → Reinigungs- und Desinfektionsplan
- Einwirkzeit laut Produktangabe einhalten; kein vorzeitiges Abwischen
Händehygiene
- Alkoholisches Händedesinfektionsmittel (mind. 3 mL, 30 Sekunden Einwirkzeit) nach den 5 Momenten der WHO-Händehygiene
- Händedesinfektionsmittelspender am Zimmereingang und an jedem Behandlungsplatz bereitstellen
- Handschuhe ersetzen die hygienische Händedesinfektion nicht
Persönliche Schutzausrüstung (PSA)
- Atemschutz: FFP2-Maske bei aerogen übertragbaren Erregern; chirurgische Maske Typ II bei Tröpfchenübertragung
- Körperschutz: langärmeliger Einmal-Schutzkittel (flüssigkeitsdicht bei Spritzgefahr)
- Handschuhe: Einmalhandschuhe bei Kontakt mit infektiösem Material oder Körperflüssigkeiten
- Augenschutz: Schutzbrille oder Visier bei Aerosol-Exposition oder Spritzgefahr
- PSA vor dem Verlassen des Isolierzimmers in der richtigen Reihenfolge ablegen und entsorgen; danach sofortige Händedesinfektion (siehe SAA Umgang mit persönlicher Schutzausrüstung)
Lüftung
- Bei aerogen übertragbaren Erregern: kontinuierliche Lüftung mit mind. 6-fachem Luftwechsel/h oder Stoßlüftung alle 2 Stunden (mind. 10 Minuten)
- Mobile HEPA-Luftreiniger (Filterklasse H14) können erwogen werden, sofern die bauliche Lüftung unzureichend ist
Abfall und Wäsche
- In den meisten Fällen muss das Abfall- und Wäschemanagement nicht angepasst werden.
08Nachbereitung und Evaluation
8. Nachbereitung und Evaluation
Ein Ausbruch gilt als beendet, wenn innerhalb von zwei maximalen Inkubationszeiten nach dem letzten Erkrankungsfall keine neuen Fälle aufgetreten sind. Bei Unsicherheit sollte das das zuständige Gesundheitsamt in die Entscheidung mit einbezogen werden.
Abschlussmaßnahmen
- Abschlussdesinfektion: Umfassende Schlussdesinfektion aller betroffenen Bereiche (Flächen, Inventar, Textilien); Lüftungsfilter auf Kontamination prüfen; gemäß Reinigungs- und Desinfektionsplan dokumentieren.
- Abschlussmeldung: Schriftliche Abschlussmeldung an das zuständige Gesundheitsamt mit Gesamtfallzahl, Erreger, eingeleiteten Maßnahmen und Ergebnis.
Evaluation und CAPA
- Ausbruchsbericht: Das Ausbruchsteam erstellt innerhalb von 14 Tagen nach Ausbruchsende einen strukturierten Abschlussbericht (Fallliste, Zeitstrahl, Maßnahmenübersicht, Ausbruchstagebuch).
- Ursachenanalyse: Identifikation der Ausbruchsquelle und Übertragungswege; Bewertung der Wirksamkeit eingeleiteter Maßnahmen.
- CAPA (Corrective and Preventive Actions): Ableitung konkreter Verbesserungsmaßnahmen mit Umsetzungsterminen und benannten Verantwortlichen; Einpflege ins QM-System.
- Schulungsbedarf: Identifizierter Schulungsbedarf wird dem Qualitätsmanagement gemeldet und in den Fortbildungsplan aufgenommen.
- Berichterstattung: Ergebnisse werden in der nächsten Hygienekommissionssitzung vorgestellt und protokolliert.
Quellen
Quellen
- Infektionsschutzgesetz (IfSG) i. d. F. vom 20. Juli 2000, zuletzt geändert 2024. §6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5b, §23 Abs. 3–4, §36 Abs. 1 Nr. 7. Bundesministerium der Justiz, Berlin.
- KRINKO (2025): Empfehlung zur Infektionsprävention in Rehabilitationseinrichtungen. Bundesgesundheitsblatt, Berlin: Robert Koch-Institut.
- KRINKO (2019): Prävention und Kontrolle von MRSA in Einrichtungen des deutschen Gesundheitswesens. Bundesgesundheitsblatt 62:942–977.
- KRINKO (2015): Infektionsprävention im Rahmen der Pflege und Behandlung von Rehabilitanden mit übertragbaren Krankheiten. Bundesgesundheitsblatt 58:1151–1170.
- Robert Koch-Institut (RKI): RKI-Ratgeber für Infektionskrankheiten (erregerspezifisch, aktuelle Ausgaben). Verfügbar unter: www.rki.de/ratgeber
- WHO (2009): WHO guidelines on hand hygiene in health care. Genf: World Health Organization.
- VAH – Verbund für angewandte Hygiene e. V. (aktuelle Ausgabe): VAH-Desinfektionsmittelliste. Disponibel unter: www.vah-online.de
- RKI / DVV (aktuelle Ausgabe): RKI-Liste der geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren. Berlin: Robert Koch-Institut.
- DIN EN 14885:2019 – Chemische Desinfektionsmittel und Antiseptika – Anwendung europäischer Normen für chemische Desinfektionsmittel und Antiseptika. Berlin: Beuth Verlag.
- DGKH (2022): Leitlinie zum Ausbruchsmanagement und zur Untersuchung nosokomialer Ausbrüche. Hyg Med 47(1–2).