Fango- und Mooranwendungen – Hygiene und Durchführung
01Zweck und Geltungsbereich
1. Zweck und Geltungsbereich
Diese SAA regelt die hygienisch sichere Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Fango- und Mooranwendungen (Peloidtherapie) in Ihre Einrichtung. Sie gilt für alle Mitarbeitenden, die Wärmeanwendungen mit Peloiden durchführen, aufbereiten oder überwachen.
Diese SAA beschreibt die übergeordneten hygienischen Grundprinzipien für die Peloidtherapie. Da die exakte Zusammensetzung der Materialien sowie die Bedienung und Aufbereitungsparameter der thermischen Anlagen (z. B. Fango-Rührwerke, Erwärmungsschränke, Wasserbäder) je nach Hersteller stark variieren, sind für die konkrete Umsetzung, Temperaturführung und Gerätereinigung zwingend die spezifischen Herstellerangaben (Gebrauchsanweisungen) vorrangig heranzuziehen und exakt einzuhalten.
Ziel ist die Vermeidung von Infektionsrisiken durch kontaminiertes Peloidmaterial, Kreuzkontaminationen über Therapieliegen sowie Verbrühungsunfällen durch unkontrollierte Applikationstemperaturen. Die SAA gilt ausstattungsabhängig und unterscheidet zwischen Einmalpackungen, wiederverwendbarem synthetischem Fango und patientengebundenem Naturmoor.
Fango- und Mooranwendungen sind nach dem Heilmittelkatalog ausschließlich als ergänzendes Heilmittel in Kombination mit Krankengymnastik, manueller Therapie oder Massagetherapie verordnungsfähig. Sie dienen der Muskelrelaxation, Schmerzreduktion und lokalen Durchblutungsförderung bei muskuloskelettalen Erkrankungen.
Begriffsdefinitionen:
- Fango: Vulkanisches Gesteinsmehl (Parafango) oder Paraffin-Peloid-Gemisch – synthetisch hergestellt, thermisch aufbereitbar.
- Naturmoor: Organisches, torfbasiertes Material mit hohem Gehalt an Huminsäuren und residueller mikrobieller Aktivität – strengere Hygieneanforderungen als synthetischer Fango.
02Material und Anwendungsformen
2. Material und Anwendungsformen
Es werden drei Anwendungsformen unterschieden, die unterschiedliche Hygieneanforderungen bedingen:
2.1 Synthetischer Fango – Einmalpackung
- Einmalgebrauch: nach der Anwendung sofortige Entsorgung als Restmüll (bei Wundkontakt: infektiöser Abfall, Abfallschlüssel 18 01 03*).
- Kein Aufbereitungsaufwand; höchste hygienische Sicherheit.
- Bevorzugte Option bei immunsupprimierten Rehabilitanden oder Ausbruchssituationen.
2.2 Synthetischer Mehrfach-Fango (Fango-Platten/-Bleche)
- Wiederaufbereitung durch validierte thermische Behandlung im Fangogerät möglich (→ Kap. 3).
- Kein direkter Haut-Kontakt bei korrekter Anwendung mit zwingend vorgeschriebener Einweg-Schutzfolie oder -vlies zwischen Material und Haut der/des Rehabilitanden.
- Mehrfach-Fango ist nicht personengebunden, sofern die Schutzabdeckung eingehalten wird und keine Kontamination mit Körperflüssigkeiten vorliegt.
2.3 Naturmoor (Moorkissen/-packungen)
- Bei direktem Haut-zu-Material-Kontakt: ausschließlich personengebunden – nur für dieselbe Rehabilitandin / denselben Rehabilitanden wiederverwendbar.
- Kennzeichnung: Name, Geburtsdatum, Datum der ersten Nutzung auf dem Behältnis.
- Aufbewahrung in geschlossenem, beschriftetem Einzelbehältnis bei 4–8 °C (Kühlschrankaufbewahrung hemmt mikrobielles Wachstum und erhält die Materialqualität).
- Maximale Aufbewahrungsdauer: bis zum Entlassungsdatum der/des Rehabilitanden, danach Entsorgung.
- Gemeinsame Moorbäder (Wannenbäder mit gemeinsamem Moorwasser für mehrere Rehabilitanden) sind hygienisch nicht vertretbar und in Ihre Einrichtung nicht zulässig.
03Aufbereitung von Mehrfach-Fango
3. Aufbereitung von Mehrfach-Fango
Die Wiederaufbereitung gilt ausschließlich für synthetischen Fango (Fango-Platten/-Bleche) ohne Kontamination mit Körperflüssigkeiten. Das Verfahren ist nicht auf Naturmoor anwendbar.
3.1 Vorprüfung vor der Aufbereitung
- Einweg-Schutzfolie/-vlies entfernen und im Restmüll entsorgen.
- Material auf sichtbare Kontaminationen prüfen (Blut, Wundexsudat, Eiter, Stuhl).
- Bei Kontamination mit Körperflüssigkeiten: keine Aufbereitung. Entsorgung über den Hausmüll (Abfallschlüssel: 18 01 04).
- Bei bekannter Clostridioides-difficile-Infektion oder aktivem Norovirus-Ausbruch: genereller Verzicht auf Mehrfach-Fango – Umstieg auf Einmalpackungen.
3.2 Thermische Aufbereitung
- Fango-Platten in das vom Hersteller zugelassene Fangogerät (Ofen/Wärmeschrank) einlegen.
- Aufbereitung auf mindestens 80 °C; Mindesthaltedauer auf dieser Temperatur: 30 Minuten. Dieser Prozess entspricht einer pasteurisierenden Wirkung und inaktiviert vegetative Keime inklusive grampositiver multiresistenter Erreger (MRSA, VRE) und gramnegativer Erreger (z.b. 3 MRGN).
- Temperatur des Fangogeräts regelmäßig durch das zertifizierte Gerätethermometer überprüfen; externe Kontrollmessung mit kalibriertem Thermometer monatlich.
- Nach Ablauf der Aufbereitungszeit: Gerät öffnen – Hitze-Schutzhandschuhe tragen (Verbrennungsgefahr bei 80 °C).
3.3 Abkühlung auf Applikationstemperatur
- Fango-Platten auf Applikationstemperatur von 45–50 °C abkühlen lassen.
- Temperatur vor Anwendung mit kalibriertem Thermometer messen und dokumentieren (→ Kap. 4).
- Neue Einweg-Schutzfolie/-vlies auflegen, bevor das Material auf die Haut der/des Rehabilitanden kommt.
3.4 Hygiene bei der Aufbereitung
- Händedesinfektion mit einem VAH-gelisteten Händedesinfektionsmittel (→ Reinigungs- und Desinfektionsmittelplan) vor und nach der Aufbereitung.
- Aufbereitungsraum: Waschbecken, ausreichende Arbeitsflächen und direkte Abluftmöglichkeit über dem Fangogerät erforderlich (Raumtemperatur max. 26 °C).
04Temperaturmanagement und Anwendungssicherheit
4. Temperaturmanagement und Anwendungssicherheit
4.1 Zulässige Applikationstemperaturen
| Material | Applikationstemperatur (Materialoberseite) | Besonderheit |
|---|---|---|
| Synthetischer Fango (direkte Auflage mit Schutzfolie) | 45–50 °C | Einweg-Schutzfolie obligatorisch |
| Naturmoor (mit Schutztuch) | max. 50 °C (Materialoberseite); max. 42 °C an Hautoberfläche | Schutztuch obligatorisch |
| Risikogruppen (s. u.) | max. 42 °C | Engmaschige Überwachung alle 5 min |
Achtung: Bei Dauerkontakt (> 20 Minuten) können bereits ab 48 °C Verbrennungen 2. Grades entstehen. Eine korrekte Temperaturmessung vor jeder Anwendung ist daher nicht optional.
4.2 Temperaturmessung
- Messung unmittelbar vor dem Auflegen mit einem kalibrierten Stich- oder Infrarot-Thermometer.
- Messpunkte: Mitte und kälteste Randzone des Materials.
- Kalibriernachweis für alle verwendeten Thermometer: mindestens jährlich (dokumentieren).
- Bei Messwert > 50 °C: Abkühlzeit abwarten, erneut messen. Keine Anwendung ohne freigegebene Temperaturmessung.
- Gemessene Temperatur in der Behandlungsdokumentation festhalten.
4.3 Risikogruppen mit erhöhter Verbrennungsgefahr
Bei folgenden Rehabilitanden ist die Maximaltemperatur auf 42 °C zu begrenzen und das Überwachungsintervall auf alle 5 Minuten zu verkürzen:
- Sensibilitätsstörungen (z. B. Polyneuropathie, Zustand nach Schlaganfall)
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK ab Fontaine-Stadium IIb)
- Diabetes mellitus mit peripherer oder autonomer Neuropathie
- Hochgradige Antikoagulation (INR > 3,5; verzögerte Wund-/Reaktionswahrnehmung)
05Liegenhygiene und Desinfektion
5. Liegenhygiene und Desinfektion
Nach jeder Fango- oder Mooranwendung ist die Therapieliege desinfizierend zu reinigen, um Kreuzkontaminationen zwischen Rehabilitanden zu verhindern.
5.1 Nachbereitung nach jeder Anwendung
- Einmalauflage entfernen; Entsorgung als Restmüll (bei Wundkontakt: infektiöser Abfall 18 01 03*).
- Sichtbare Grobverschmutzungen (Fangomaterial, Cremreste) mit trockenem Einmaltuch beseitigen.
- Desinfizierende Wischdesinfektion der gesamten Liegenfläche inklusive Seitenrahmen und Kopfteil mit einem geeigneten Flächendesinfektionsmittel in der empfohlenen Konzentration und unter Einhaltung der vorgeschriebenen Einwirkzeit (→ Reinigungs- und Desinfektionsmittelplan).
- Neue Einmalauflage auflegen.
5.2 Persönliche Schutzausrüstung (PSA)
- Einmalhandschuhe beim Entfernen von Auflagen und bei der Desinfektion tragen.
- Keine Sprühdesinfektion ohne Atemschutz FFP2; bevorzugt Wischdesinfektion anwenden.
- Händedesinfektion nach Handschuhabzug.
5.3 Reinigungsintervalle im Überblick
| Intervall | Maßnahme |
|---|---|
| Nach jeder Anwendung | Desinfizierende Wischung der Liegefläche + Seitenrahmen (s. o.) |
| 1× täglich | Desinfizierende Reinigung von Untergestell und Liegenfüßen |
| 1× wöchentlich | Vollreinigung inkl. Untergestell, Rollen, Gelenkteile |
06Überwachung und Kontraindikationen
6. Überwachung und Kontraindikationen
6.1 Überwachung während der Anwendung
Rehabilitanden dürfen während einer Fango-/Mooranwendung nicht unbeaufsichtigt bleiben. Sichtkontakt oder eine funktionierende Klingelmöglichkeit ist sicherzustellen.
- Standardüberwachung: Sichtkontakt alle 10 Minuten.
- Risikogruppen (→ Kap. 4.3): Sichtkontakt alle 5 Minuten.
- Anzeichen für Unverträglichkeit oder Überwärmung: Rötung über das behandelte Areal hinaus, Schweißausbruch, Kreislaufsymptome (Schwindel, Übelkeit), Schmerzangabe, Blasenbildung.
6.2 Vorgehen bei Komplikationen
- Packung sofort entfernen.
- Betroffene Hautstelle mit lauwarmem Wasser kühlen (15–20 °C, mind. 10–15 Minuten; kein Eis oder Eiswasser).
- Ärztlichen Dienst von Ihre Einrichtung informieren.
- Vorfall in der Rehabilitandenkurve und im internen Vorfall-/Fehlermeldesystem dokumentieren.
- Bei Verbrennung > 1 % Körperoberfläche oder Verbrennung 2./3. Grades: notfallärztliche Versorgung einleiten.
6.3 Absolute Kontraindikationen
- Akute Entzündungen und fieberhafte Erkrankungen (> 38,0 °C)
- Offene Wunden oder frische Operationsnarben im Behandlungsareal
- Schwere Herzinsuffizienz (NYHA III–IV)
- Dekompensierte Herzrhythmusstörungen
- Akute Thrombose oder Thrombophlebitis
- Bekannte Hypersensitivität gegenüber Moor- oder Fango-Inhaltsstoffen
- Maligne Tumoren im Behandlungsareal
6.4 Relative Kontraindikationen (Rücksprache mit ärztlichem Dienst vor Anwendung)
- Diabetes mellitus mit autonomer Neuropathie
- Schwere pAVK (Fontaine IIb–IV)
- Schwangerschaft (insbesondere 1. Trimenon, generelle Wärmeanwendungen am Abdomen kontraindiziert)
- Hochgradige Antikoagulation (INR > 3,5)
- Schwere Osteoporose mit Frakturgefahr
07Dokumentation
7. Dokumentation
7.1 Behandlungsbezogene Dokumentation (Rehabilitandenkurve / Therapieakte)
- Rehabilitand:in (Name, Geburtsdatum), Datum, Uhrzeit
- Behandlungsareal, Anwendungsdauer
- Materialart (Einmal / Mehrfach-Fango / Naturmoor), gemessene Applikationstemperatur
- Besonderheiten, Komplikationen, eingeleitete Maßnahmen
- Kürzel / Unterschrift der behandelnden Fachkraft
7.2 Hygienedokumentation (Aufbereitungs- und Desinfektionsprotokoll)
Separate Hygieneliste in der Abteilung führen:
- Fango-Aufbereitung: Datum, Uhrzeit, Aufbereitungstemperatur (°C), Haltezeit (min), verantwortliche Person (Handzeichen)
- Liegen-Desinfektion: Datum, Uhrzeit, verwendetes Desinfektionsmittel (Produktname, Chargenbezeichnung, Konzentration, Einwirkzeit), verantwortliche Person
7.3 Geräte- und Thermometerdokumentation
- Kalibrierprotokoll für alle verwendeten Therapiethermometer: jährlich, mind. bis zur Folgekalibrierung + 2 Jahre aufbewahren.
- Wartungsprotokoll Fangogeräte: gemäß Herstellervorgaben, mind. jährlich.
7.4 Lagerungsdokumentation Naturmoor
- Kühlschrank-Temperaturprotokoll: tägliche Kontrollmessung (Zielbereich 4–8 °C), Abweichungen mit Korrekturmaßnahme dokumentieren.
Quellen
- KRINKO: Infektionsprävention in Rehabilitationseinrichtungen. Bundesgesundheitsblatt, August 2025. DOI/URL: rki.de (Zugriff 2025).
- Robert Koch-Institut (RKI): Aktuelle KRINKO-Empfehlungen. www.rki.de (Stand 2025).
- BAUA: Technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA 250) – Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege, aktuelle Fassung.
- Infektionsschutzgesetz (IfSG) §23 und §36, aktuelle Fassung (Bundesministerium der Justiz).
- §630f BGB – Dokumentationspflicht beim Behandlungsvertrag, aktuelle Fassung.
- VAH-Desinfektionsmittelliste (Verbund für Angewandte Hygiene e. V. / DGHM), aktuelle Ausgabe. www.vah-online.de.
- Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): Heilmittel-Richtlinie (Heilmittel-RL) mit Heilmittelkatalog, aktuelle Fassung. www.g-ba.de.
- Sicheres Krankenhaus (BAUA): Wärmetherapie – Gefährdungsbeurteilung und Schutzmaßnahmen Fangoaufbereitung. www.sicheres-krankenhaus.de (2024).
- Orochemie GmbH: KRINKO-Empfehlung Infektionsprävention in Rehabilitationseinrichtungen – Fachinformation. www.orochemie.de (Februar 2026).
- Wikipedia: Moorbad – Hygiene und Recycling. de.wikipedia.org (Abruf 2025).