Hygiene bei der manuellen Lymphdrainage (MLD)
01Zweck und Geltungsbereich
1. Zweck und Geltungsbereich
Diese SAA regelt die hygienischen Anforderungen bei der manuellen Lymphdrainage (MLD) in Ihre Einrichtung. Die MLD ist eine spezifische Entstauungstherapie (Komplexe Physikalische Entstauungstherapie, KPE) zur Behandlung primärer und sekundärer Lymphödeme, Lipödeme sowie postoperativer und posttraumatischer Ödeme. Es handelt sich um eine hands-on-Therapie mit intensivem und großflächigem Hautkontakt.
Geltungsbereich
- Alle stationären und ambulanten Rehabilitationsbereiche von Ihre Einrichtung, in denen MLD durchgeführt wird
- Personal: Physiotherapeut:innen, Lymphtherapeut:innen (Zertifikat MLD/KPE), medizinische Bademeister:innen
- Unterstützendes Personal bei Materialvorbereitung, Liegenpflege und Wäscheversorgung
Ziel ist die Verhinderung der Übertragung von Krankheitserregern und MRE bei gleichzeitiger Wahrung der therapeutischen Qualität. Die KRINKO Reha 2025 fordert ausdrücklich eine maßvolle Balance zwischen Infektionsschutz und Rehabilitationszielen – Hygienemaßnahmen dürfen die Therapie nicht unverhältnismäßig einschränken.
02Händehygiene und Handschuhe
2. Händehygiene und Handschuhe
Händedesinfektion
Die hygienische Händedesinfektion ist die wichtigste Einzelmaßnahme zur Unterbrechung von Übertragungsketten. An jedem MLD-Therapieplatz ist ein wandmontierter Spender mit einem geeigneten alkoholischen Händedesinfektionsmittel gemäß aktuellem Desinfektionsmittelplan bereitzustellen. Die Einreibetechnik erfolgt mit mindestens 3 ml für 15-30 Sekunden bis zur vollständigen Abtrocknung.
Die 5 Indikationen der WHO für die Händedesinfektion
- Vor dem Rehabilitanden-Kontakt (unmittelbar vor Beginn der MLD)
- Vor einer aseptischen Tätigkeit (z. B. Anlegen eines Kompressionsverbands bei vorhandener Hautläsion)
- Nach Kontakt mit potenziell infektiösem Material (Wundsekret, Lymphorrhö)
- Nach dem Rehabilitanden-Kontakt (nach Abschluss der MLD)
- Nach Kontakt mit der Patientenumgebung
Einmalhandschuhe – Indikationsgerechter Einsatz
Wichtig: Einmalhandschuhe (gem. DIN EN 455) sind bei der MLD nicht routinemäßig indiziert. Der taktile Hautkontakt ist ein zentrales therapeutisches Mittel der MLD. Das unkritische Tragen von Handschuhen ohne konkrete Exposition vernachlässigt die Händedesinfektion, belastet das Klima und ist infektionspräventiv kontraproduktiv (KRINKO 2024).
Indikationen für Einmalhandschuhe bei der MLD
- Kontakt mit nicht intakter Haut: offene Wunden, Ulzera, Lymphfisteln, Exkoriationen
- Kontakt mit Körperflüssigkeiten: Wundsekreten, Lymphorrhö, Exsudat
- Aktive Hautinfektion des Rehabilitanden (z. B. Erysipel in Ausheilungsphase, Mykosen mit Hautläsion)
- MRE-Besiedelung des Rehabilitanden (gemäß einrichtungsinternem MRE-Management)
- Eigene Hautdefekte der Therapeut:in (Arbeitsschutz gem. TRBA 250)
Bei Indikation: Handschuhe nach Kontakt sofort ablegen, danach unmittelbar Händedesinfektion durchführen. Bei intensiver Nutzung Wechsel nach spätestens 15 Minuten (erhöhtes Perforationsrisiko).
Händewaschen
Händewaschen (mit Wasser und Seife) ist nur bei sichtbarer Verschmutzung oder nach Kontakt mit Sporenbildnern (z. B. C. difficile) indiziert – nicht als Ersatz für die alkoholische Händedesinfektion. Nach dem Händewaschen anschließend desinfizieren.
03Behandlungsmedien und Hautinspektion
3. Behandlungsmedien und Hautinspektion
Hautinspektion vor jeder Behandlung
Vor Beginn der MLD ist eine orientierende Inspektion der zu behandelnden Hautareale obligat. Bei Befunden, die eine Kontraindikation darstellen, ist die Behandlung zu unterbrechen und unverzüglich ärztliche Rücksprache zu suchen.
- Absolute Kontraindikationen (Behandlung sofort stoppen): akutes Erysipel, akute tiefe Beinvenenthrombose (TVT), dekompensierte Herzinsuffizienz, aktive maligne Erkrankung im Behandlungsgebiet ohne onkologische Freigabe
- Relative Kontraindikationen (ärztliche Rücksprache): frische Wunden, nicht abgeheilte Operationsnarben, unklare Schwellungen ohne gesicherte Diagnose
- Befund dokumentieren (s. Kapitel 6)
Behandlungsöle und -cremes
- Behandlungsmedien (Öle, Cremes) sind ausschließlich patientenbezogen einzusetzen – keine Gemeinschaftsgebinde
- Ausgabe aus Einzelportionsbehältern (Sachet) oder Tuben mit Ausgabepumpe, um Kontamination des Vorratsbehälters zu verhindern
- Vor der Erstanwendung: Abfragen bekannter Kontakt- und Nahrungsmittelallergien (z. B. Latexallergie, Nussölallergie – viele Massageöle enthalten Erdnuss-, Mandel- oder Jojobaöl)
- Rückfettende Pflegeprodukte bei Lymphödem-Rehabilitanden nach Rücksprache mit dem ärztlichen Dienst; Auswahl nach Hautverträglichkeit und therapeutischem Ziel
- Ablaufdatum und Unversehrtheit der Verpackung vor jeder Anwendung prüfen; abgelaufene oder angebrochene Gebinde ohne Ausgabepumpe entsorgen
Hautschutz der Therapeut:innen
Therapeut:innen mit häufigem Feucht-/Reinigungskontakt (Feuchtarbeit > 2 h/Tag) unterliegen dem einrichtungsinternen Hautschutzplan: Hautschutzmittel vor der Arbeit auftragen, Hautpflegemittel nach der Arbeit verwenden, Hände nur bei sichtbarer Verschmutzung mit Wasser waschen.
04Liegenhygiene
4. Liegenhygiene
Anforderungen an die Liege
- Behandlungsliegen müssen mit einem desinfektionsmittelbeständigen, nahtlosen oder nahtarmen Kunstlederbezug ausgestattet sein (beständig gegenüber alkohol- und aldehydhaltigen Mitteln)
- Risse, Poren oder mechanische Beschädigungen des Bezugs sind dem Hygienebeauftragten unverzüglich zu melden – die Liege ist bis zur Reparatur/Erneuerung des Bezugs außer Betrieb zu nehmen
- Liegenkopfteil, Seitenteile und Rollen sind in die Reinigung einzubeziehen
Abdeckung (Liege zwischen den Rehabilitanden)
- Für jeden Rehabilitanden eine frische Abdeckung verwenden: Einwegpapierrolle (am Kopfende mind. 50 cm frischer Abschnitt) oder Einmalschutzbezug aus Non-Woven-Material
- Bei textilen Abdeckungen (Frotteetuch, Bettlaken): Wechsel nach jedem Rehabilitanden und Aufbereitung bei ≥ 60 °C; bei sichtbarer Kontamination mit Körperflüssigkeiten als kontaminierte Wäsche behandeln
Wischdesinfektion zwischen zwei Rehabilitanden
- Gebrauchte Abdeckung entfernen und entsorgen bzw. zur Wäsche geben
- Gesamte Liegenfläche (inkl. Kopf-/Fußteil, Seitenflächen, Rollen) mit Einmaltuch und Flächendesinfektionsmittel gemäß aktuellem Reinigungs- und Desinfektionsmittelplan wischdesinfizieren
- Einwirkzeit laut Desinfektionsmittelplan einhalten (typisch: 1 Minute, Wirkbereich A+B)
- Fläche abtrocknen lassen, erst danach frische Abdeckung auflegen
Tägliche Schlussdesinfektion
Am Ende jedes Behandlungstages Wischdesinfektion aller therapieplatznahen Flächen (Ablageflächen, Gerätschaften, Türgriffe, Desinfektionsmittelspender-Außenfläche). Durchführung und Uhrzeit im Reinigungsprotokoll des Therapiebereichs dokumentieren.
05Kompressionsmaterial
5. Kompressionsmaterial
Einwegmaterial
- Einweg-Polsterwatte, Einwegschlauchverbände und Einwegunterpolsterungen werden nach jeder Behandlung entsorgt (normaler Klinikmüll)
- Keine Wiederverwendung – auch nicht für denselben Rehabilitanden
- Lagerung trocken, staubfrei und vor Feuchtigkeit geschützt; Originalverpackung bis zur Verwendung geschlossen halten
Wiederverwendbares, patientenbezogenes Material
- Kompressionsbinden (Kurzzugbinden), Lymphpad-Pelotten, Schaumstoffeinlagen und textile Kompressionsstrümpfe sind streng patientenbezogen zu kennzeichnen (Name des Rehabilitanden, Ausgabedatum)
- Aufbereitung nach Herstellervorgaben
- Nach jedem Waschgang auf Unversehrtheit und Elastizitätsverlust prüfen; defektes Material aussondern
- Material vor Wiederverwendung vollständig trocknen (feuchte Materialien begünstigen Keimwachstum)
- Kein Materialtausch oder -tausch zwischen Rehabilitanden
Lagerung und Transport
- Sauberes/aufbereitetes Material in geschlossenen, beschrifteten Behältnissen oder Beuteln lagern (Trennung von unreinem Material)
- Gebrauchtes Material in geschlossenen Behältnissen oder Plastiksäcken getrennt von sauberem Material zur Aufbereitung transportieren (Rein-Unrein-Trennung)
- Lagerort: trocken, bei Raumtemperatur, geschützt vor Staub und Sonneneinstrahlung
06Dokumentation und Schulung
6. Dokumentation und Schulung
Behandlungsdokumentation (je Behandlungseinheit)
- Diagnose mit ICD-10-Code (z. B. I89.0 Lymphödem a.n.k., Q82.0 hereditäres Lymphödem, I97.2 Lymphödem nach Mastektomie, E88.2 Lipödem)
- Behandlungsdatum, Behandlungsdauer in Minuten (Zeitangabe gemäß Heilmittel-Richtlinie, ab Oktober 2024: MLD ohne Zeitangabe nur bei vertraglich geregelten Ausnahmefällen)
- Behandelte Körperregion(en) und Behandlungsseite (li./re./bds.)
- Verordnungsnummer und verordnende Praxis/Abteilung
- Handzeichen oder Kürzel der behandelnden Therapeut:in
Hygienerelevante Befunde und Abweichungen
- Hautbefund bei Behandlungsbeginn: neu aufgetretene Wunden, Erythem, Schwellungsveränderungen – mit Maßnahme (z. B. „Behandlung ausgesetzt, ärztliche Rücksprache erfolgt am [Datum]")
- Art des verwendeten Kompressionsmaterials (Einweg/patientenbezogen, Ausgabedatum)
- Abweichungen vom Hygienestandard und ergriffene Korrekturmaßnahmen
- Allergiereaktion auf Behandlungsmedien: Art der Reaktion, Produkt, Maßnahme
Hygieneschulung des Personals
- Hygieneschulung gemäß KRINKO Reha 2025: Durchführung in jährlichem Abstand, organisiert durch den leitenden Arzt oder eine von ihm beauftragte Person (z. B. Hygienebeauftragte:r)
Quellen
- KRINKO: Infektionsprävention in Rehabilitationseinrichtungen. Bundesgesundheitsblatt, August 2025. Robert Koch-Institut, Berlin.
- KRINKO: Händehygiene in Einrichtungen des Gesundheitswesens. Bundesgesundheitsblatt 2016; 59(9): 1189–1220.
- KRINKO: Indikationsgerechter Einsatz medizinischer Einmalhandschuhe. Epidemiologisches Bulletin Nr. 10/2024 (07.03.2024). Robert Koch-Institut, Berlin.
- WHO: Guidelines on Hand Hygiene in Health Care. World Health Organization, Genf, 2009.
- KRINKO: Anforderungen an die Hygiene bei der Reinigung und Desinfektion von Flächen. Bundesgesundheitsblatt 2004; 47(1): 51–61.
- TRBA 250: Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), aktuelle Fassung.
- DIN EN 455-1 bis -4: Medizinische Einmalhandschuhe. Beuth Verlag Berlin, aktuelle Fassungen.
- Heilmittel-Richtlinie (HMR): Richtlinie über die Verordnung von Heilmitteln in der vertragsärztlichen Versorgung. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA), Stand Oktober 2024.
- Földi M, Földi E (Hrsg.): Földi's Textbook of Lymphology. Elsevier, 4. Auflage, 2019.
- AWMF-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Lymphödeme (AWMF-Register-Nr. 058-001), aktuellste verfügbare Version.
- LAGA M18: Vollzugshilfe zur Entsorgung von Abfällen aus Einrichtungen des Gesundheitsdienstes. Länderarbeitsgemeinschaft Abfall, aktuelle Fassung.