Akupunktur und Neuraltherapie – Hygiene bei minimalinvasiven Verfahren
01Zweck und Geltungsbereich
1. Zweck und Geltungsbereich
Diese Standard-Arbeitsanweisung (SAA) regelt die hygienischen Anforderungen bei der Durchführung von Akupunktur und Neuraltherapie in der Ihre Einrichtung. Sie gilt für alle Standorte der Einrichtung und ist verbindlich für alle Berufsgruppen, die diese Verfahren anwenden oder dabei assistieren.
Akupunktur (Einstechen steriler Einmalnadeln in definierte Körperpunkte) und Neuraltherapie (Injektion von Lokalanästhetika wie Procain oder Lidocain in Stör- oder Schmerzfelder) sind minimalinvasive Eingriffe mit direktem Hautkontakt und Gewebepenetration. Beide Verfahren erzeugen ein potenzielles Infektionsrisiko für Rehabilitand:innen und Personal (lokale Wund-, Weichteil- und systemische Infektionen, Nadelstichverletzungen) und erfordern daher konsequente Hygienemaßnahmen.
Anwendungsbereich
- Gilt für alle Räumlichkeiten der Ihre Einrichtung, in denen Akupunktur oder Neuraltherapie durchgeführt wird
- Durchführung ausschließlich durch ärztliches Personal mit entsprechender Qualifikation (Zusatzbezeichnung Akupunktur / Ausbildung Neuraltherapie)
- Assistenzpersonal ist in die korrekte Materialvorbereitung und Entsorgung einzuweisen
- Bei Fragen zur Hygiene ist der/die interne Hygienebeauftragte oder der ärztliche Dienst zu konsultieren
02Vorbereitung, Händehygiene und PSA
2. Vorbereitung, Händehygiene und PSA
Raumvorbereitung und Arbeitsfläche
- Behandlungsliege und Ablagebereich vor jeder Behandlung mit einem Flächendesinfektionsmittel gemäß Reinigungs- und Desinfektionsmittelplan wischdesinfizieren.
- Einmalpapier auf der Behandlungsliege für jeden Wechsel der Rehabilitand:innen neu auflegen.
- Materialien (Nadeln, Tupfer, Antiseptikum, ggf. Spritze und Kanüle) auf einer sauberen, unsterilen Einmalunterlage bereitstellen – Anrichten unmittelbar vor der Behandlung.
- Abwurfbehälter für Sharps muss vor Beginn griffbereit und geöffnet am Arbeitsplatz stehen.
Hygienische Händedesinfektion
- Vor Vorbereitung des Materials: Hygienische Händedesinfektion mit einem VAH-gelisteten alkoholischen Händedesinfektionsmittel (ca. 3 ml, 15–30 Sekunden einreiben bis vollständig trocken).
- Unmittelbar vor dem Eingriff: Erneute hygienische Händedesinfektion durchführen.
- Nach Entfernen der Nadeln / Abschluss der Behandlung: Erneute hygienische Händedesinfektion durchführen (auch nach dem Ausziehen eventuell getragener Handschuhe).
Das konkrete Präparat ist dem Reinigungs- und Desinfektionsmittelplan zu entnehmen.
Persönliche Schutzausrüstung (PSA) für Akupunktur und Neuraltherapie
Beide Interventionen können im Standardfall ohne PSA durchgeführt werden, sofern die Basishygiene und die No-Touch-Technik strikt eingehalten werden.
| PSA-Komponente | Indikation und Anwendung |
|---|---|
| Einmalhandschuhe | Nicht zwingend erforderlich. Anlage nur bei absehbarem Kontakt mit Blut (was i. d. R. nicht der Fall ist). Wichtig: Eine strikte No-Touch-Technik (kein Berühren von Nadelschaft oder Kanülenspitze) ist stets einzuhalten! Werden Handschuhe getragen, ersetzen diese nicht die Händedesinfektion. |
| Schutzkittel | Nicht erforderlich. Ausnahmen gelten nur bei gesonderten Isolations-Indikationen (z. B. bei nachgewiesenen Ektoparasiten wie Skabies). |
| Mund-Nasen-Schutz (MNS) | Nicht routinemäßig erforderlich. Ein MNS ist nur bei vorliegenden respiratorischen Symptomen (Husten, Schnupfen) zu tragen. Alternativ kann in diesem Fall auch der/die Rehabilitand:in zum Tragen eines MNS aufgefordert werden, um das Personal zu schützen. |
03Hautantiseptik Einstichstelle
3. Hautantiseptik Einstichstelle
Vor jeder Nadelinsertion (Akupunktur) und vor jeder Injektion (Neuraltherapie) ist die Einstichstelle mit einem zugelassenen, alkoholischen Hautantiseptikum zu desinfizieren. Das einzusetzende Präparat ist dem Reinigungs- und Desinfektionsmittelplan zu entnehmen.
Durchführung
- Tupfer- oder Sprühauftrag: Einstichstelle satt und großzügig benetzen.
- Einwirkzeit vollständig abwarten – die Haut muss während der gesamten Einwirkzeit sichtbar feucht bleiben.
- Alkohol vollständig an der Luft trocknen lassen, bevor die Nadel/Kanüle eingestochen wird.
- Den desinfizierten Bereich nach der Applikation nicht mehr berühren (strikte No-Touch-Technik) – kein Abfächern, kein Trockenblasen.
Einwirkzeiten (in Abhängigkeit von Punktionsart und Hautareal)
Grundsätzlich sind zwingend die Angaben des jeweiligen Herstellers zu beachten. Als krankenhaushygienischer Standard gelten folgende Mindest-Einwirkzeiten:
| Hautareal | Art des Eingriffs | Mindest-Einwirkzeit (sichtbar feucht) |
|---|---|---|
| Talgdrüsenarme Haut (z. B. Arme, Beine, Bauch) |
Akupunktur (oberflächlich) / s.c. / i.m. Injektion | Mind. 15 Sekunden (bzw. nach Herstellerangabe) |
| Talgdrüsenarme Haut (z. B. Knie, Schultergelenk) |
Tiefe Punktionen, Gelenkpunktionen (Neuraltherapie) | Mind. 1 Minute |
| Talgdrüsenreiche Haut (z. B. Rücken, Nacken, Kopf, Brust, vordere Schweißrinne) |
Alle Punktionen und Nadelinsertionen (inkl. Akupunktur) | Mind. 1 bis 3 Minuten (Herstellerangabe für talgdrüsenreiche Haut zwingend prüfen!) |
04Nadelhandling (steril, Einmal)
4. Nadelhandling (steril, Einmal)
Für Akupunktur und Neuraltherapie sind ausschließlich sterile, zertifizierte Einmal-Instrumente zu verwenden. Eine Wiederverwendung von Nadeln oder Kanülen ist unter keinen Umständen zulässig.
Anforderungen an Nadeln und Kanülen
- Akupunkturnadeln: sterile Einmalnadeln gemäß DIN ISO 17218, CE-gekennzeichnet, einzeln oder paarweise in Sterilverpackung
- Neuraltherapie-Kanülen: sterile Einmalkanülen (Luer-Lock), CE-gekennzeichnet; Größe je nach Injektionstechnik (z. B. 27G × 40 mm für subkutan, feinere Nadeln für intrakutane Quaddeln)
- Spritzen für Neuraltherapie: sterile Einmalspritzen, für jede Injektion neu
- Verfallsdatum und Unversehrtheit der Verpackung vor Verwendung prüfen
Sterile Handhabung – Schritt für Schritt
- Verpackung erst unmittelbar vor der Applikation öffnen
- Nadel/Kanüle so entnehmen, dass ausschließlich der Griffbereich (Akupunkturnadel: Griff/Hülse) oder der Kanülenansatz (Neuraltherapie) berührt wird – Nadelschaft und -spitze niemals anfassen
- Keine Ablage verwendeter Nadeln auf unsterilen Flächen (direkt nach Entfernen sofort in den Abwurfbehälter)
- Kein Recapping (kein Wiederaufsetzen der Schutzkappe auf benutzte Nadeln/Kanülen) – dies ist die häufigste Ursache von Nadelstichverletzungen
- Sollte eine Nadel unsteril werden (Kontakt mit nicht-steriler Fläche), ist sie zu verwerfen und durch eine neue zu ersetzen
Besondere Hinweise
- Sichere Instrumente (Sicherheitskanülen mit automatischem Schutzmechanismus) sind gemäß TRBA 250 bevorzugt einzusetzen, sofern verfahrenstechnisch geeignet
- Bei Akupunktur: pro Einstichstelle eine Nadel – keine Nadel wird an mehreren Körperstellen desselben Rehabilitanden / derselben Rehabilitandin verwendet
05Lokalanästhetika-Handling (Neuraltherapie)
5. Lokalanästhetika-Handling (Neuraltherapie)
Dieses Kapitel gilt ausschließlich für die Neuraltherapie. Eingesetzte Wirkstoffe sind typischerweise Procainhydrochlorid (0,5–2 %) oder Lidocainhydrochlorid (0,5–2 %), je nach Technik (Quaddel, Infiltration, Leitungsanästhesie, Ganglientherapie).
Anforderungen an Behältnisse
- Bevorzugt: Einmalampoule – nach einmaliger Entnahme ist der Rest zu verwerfen; nicht verbrauchte Reste werden nicht für andere Rehabilitand:innen verwendet
- Mehrdosenbehälter sind nur einzusetzen, wenn Einmalampoule nicht verfügbar; in diesem Fall: Datum und Uhrzeit der Erstöffnung auf dem Behälter dokumentieren, Aufbrauchfrist gemäß Herstellerangabe einhalten (Produktinformation prüfen), nach Ablauf verwerfen
- Durchstechflaschen: pro Entnahme neues steriles Kanüle-Spritzen-System, Gummistopfen vorher mit alkoholischem Hautantiseptikum desinfizieren, trocknen lassen
Qualitätsprüfung vor Anwendung
- Ampulle/Flasche auf Trübung, Partikel, Verfärbung und Kristallisation prüfen – bei Auffälligkeiten: nicht verwenden, verwerfen und aus dem Bestand nehmen
- Verfallsdatum prüfen
Aseptische Entnahme
- Hygienische Händedesinfektion vor Vorbereitung
- Ampulle öffnen oder Gummistopfen desinfizieren (s. o.)
- Inhalt mit steriler Einmalkanüle/-spritze aufziehen
- Spritze beschriften, wenn nicht sofort verwendet (Wirkstoff, Konzentration, Aufzugszeitpunkt); aufgezogene Spritzen sind innerhalb von 60 Minuten zu verwenden oder zu verwerfen
- Für jede Injektion (auch beim selben Rehabilitanden / derselben Rehabilitandin) eine neue sterile Kanüle verwenden
06Kanülenentsorgung und Nadelstichverletzung
6. Kanülenentsorgung und Nadelstichverletzung
Sichere Entsorgung gebrauchter Sharps
- Alle benutzten Akupunkturnadeln, Kanülen und Spritzen sind unmittelbar nach Entnahme aus der Rehabilitandin / dem Rehabilitanden in einen stichfesten, UN-zertifizierten Abwurfbehälter zu entsorgen (kein Zwischenablegen)
- Behälter muss GS-Zeichen oder TÜV-Zertifizierung tragen (bestätigt Konformität mit TRBA 250)
- Abwurfbehälter ist griffbereit am Behandlungsplatz aufzustellen – kein Transport benutzter Nadeln über größere Strecken
- Behälter bei 75 % Füllstand verschließen und wechseln (Überfüllen erhöht das Verletzungsrisiko drastisch)
- Verschlossene Behälter: Entsorgung als gefährlicher Abfall gemäß Abfallschlüssel AVV 18 01 01 (spitze/scharfe Instrumente, ohne besonderes Infektionsrisiko); Zuordnung gemäß Abfallentsorgungskonzept der Einrichtung
- Niemals Kanülen recappen (keine Schutzkappe auf benutzte Nadeln aufsetzen)
07Dokumentation
7. Dokumentation
Jede Akupunktur- und Neuraltherapie-Behandlung ist im Rehabilitandendokumentationssystem der Ihre Einrichtung zu erfassen. Die Dokumentation ist Bestandteil der Behandlungsakte und dient der Rückverfolgbarkeit bei Komplikationen.
Mindestinhalt der Behandlungsdokumentation
- Datum und Uhrzeit der Behandlung
- Name und Funktion der durchführenden Person
- Verfahren (Akupunktur / Neuraltherapie, Technik, z. B. Quaddel, Segment, Ganglion)
- Behandelte Körperregion / Stichpunkte (Anzahl, Lokalisation)
- Bei Neuraltherapie: verwendetes Lokalanästhetikum (Wirkstoff, Konzentration, Menge in ml), Chargen-/Losnummer der Ampulle/Flasche
- Besonderheiten während der Behandlung (Schmerz, Hämatom, vasovagale Reaktion o. ä.)
- Komplikationen oder Abweichungen vom Standardvorgehen (mit durchgeführten Maßnahmen)
Aufbewahrung und Archivierung
- Aufbewahrungsfrist der Behandlungsakte: mindestens 10 Jahre nach Abschluss der Behandlung (§ 630f Abs. 3 BGB)
- Dokumentation von Nadelstichverletzungen: zusätzlich als Arbeitsunfall in den Bestandsakten des Betriebsarztes / der Betriebsärztin ablegen
- Charge und Verfallsdatum von Lokalanästhetika-Produkten im Falle von Rückrufen und Vigilanz-Meldungen über die Dokumentation rückverfolgbar halten
Quellen
- KRINKO beim RKI: Infektionsprävention in Rehabilitationseinrichtungen. Bundesgesundheitsblatt. 2025;68(9):1056–1087. DOI: 10.1007/s00103-025-04089-3 [veröffentlicht 21.08.2025]
- KRINKO beim RKI: Anforderungen an die Hygiene bei Punktionen und Injektionen. Bundesgesundheitsblatt. 2011;54:1135–1169.
- KRINKO beim RKI: Händehygiene in Einrichtungen des Gesundheitswesens. Bundesgesundheitsblatt. 2016;59:1245–1279.
- KRINKO beim RKI: Prävention postoperativer Wundinfektionen. Bundesgesundheitsblatt. 2018;61(4):448–473.
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): TRBA 250 – Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitsdienst und in der Wohlfahrtspflege. Ausgabe April 2014, zuletzt geändert März 2021.
- Verbund für Angewandte Hygiene (VAH): Desinfektionsmittel-Liste des VAH. Aktuelle Ausgabe. Mhp-Verlag, Wiesbaden. [www.vah-online.de]
- DIN ISO 17218:2014 – Sterile Akupunkturnadeln zur Einmalanwendung.
- Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei Tätigkeiten mit Biologischen Arbeitsstoffen (BioStoffV). BGBl. I S. 2514 (2013), zuletzt geändert.
- Verordnung (EU) 2017/745 über Medizinprodukte (EU MDR). Amtsblatt der Europäischen Union, 5. April 2017.
- Avitall-Beurmann S et al.: Neuraltherapie – therapeutische Lokalanästhesie. Systematisches Review. Universitätsklinikum Heidelberg, Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung.
- Fachinformation Heweneural 1 % Injektionslösung (Lidocainhydrochlorid). Einmalampoule zur Neuraltherapie. Aktuelle Fachinformation gemäß Zulassung.